27.06.19
SIHK zu Hagen
Rückblick

Kongress Industrie 4.0

„Industrie 4.0: Jeder muss seinen Weg finden.“

Dreijähriges Projekt „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“ geht mit Kongress bei der SIHK zu Ende – und ist erst der Anfang für weitere Entwicklungen

Der Nutzen, den der Mittelstand in Südwestfalen aus der Digitalisierung ziehen kann, stand im Mittelpunkt des „Industrie 4.0-Kongresses“, zu dem die SIHK am 27. Juni Führungskräfte heimischer Unternehmen in das Kammergebäude in Hagen eingeladen hatte. Das Thema „Künstliche Intelligenz“ bildete den Schwerpunkt der Veranstaltung. Zum Abschluss des dreijährigen Projektes „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“, das aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert wurde, galt es aber auch, sowohl Bilanz zu ziehen, als auch weiter in die Zukunft zu blicken. Denn einig waren sich alle Beteiligten, dass dieses Projekt erst der Anfang war. „So langsam wird das Thema praxisrelevant. Der Schritt von der Automatisierung in die echte Digitalisierung ist das, was uns die nächsten Jahre begleiten wird“, betonte der stellvertretende SIHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Lux bei der Begrüßung der Teilnehmer. Das eine oder andere Unternehmen sei auf den Weg in die Digitalisierung auch schon erheblich weiter „als uns bekannt war.“ Das habe das Projekt gezeigt. Aufgabe der Kammer müsse es sein, in der Politik darauf hinzuwirken, dass Südwestfalen nicht abgekoppelt werde von modernen Kommunikationsmitteln. Zu glauben, „wir brauchen kein Breitband und kein schnelles Internet ist falsch.“

Neben der SIHK als Gastgeber waren als weitere Projektpartner die IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland, die Hochschule Hamm-Lippstadt sowie die Fachhochschule Südwestfalen bei der Initiative „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“ involviert. Wie durch Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen Potenziale von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz für den Mittelstand adaptiert werden können, damit sie einen spürbaren Nutzen bringen, verdeutlichten mit zahlreichen Praxisbeispielen die Vorträge am Vormittag. Prof. Dr. Harald P. Mathis, Inhaber des Lehrstuhls für Industrielle Informatik und Biosystemtechnik an der Hochschule Hamm-Lippstadt und Leiter des Fraunhofer-Anwendungszentrums SYMILA, berichtete über den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) unter anderem in landwirtschaftlichen Betrieben, wo sich das Tierwohl und die Generierung höher Umsätze kombinieren ließen. Dabei könne die KI durch die Sammlung und Auswertung von Daten grundsätzlich nur ein unterstützendes Element sein, um Entscheidungen zu treffen. Um Prozesse zu optimieren und Automationsmöglichkeiten zu erweitern, seien individuelle Lösungen gefragt, die in Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschung entwickelt werden könnten.

Mittelständler, die gemeinsam mit starken Partnern an einem KI-Modulbaukasten mit übertragbaren Technologien mitarbeiten und vom Know-how des Netzwerks profitieren möchten, können sich am Projekt „ModularKI“ beteiligen, das vom  Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. Die Federführung liegt beim Fraunhofer Anwenderzentrum SYMILA.

Ausdrücklich ermunterte Mathis seine Zuhörer, bei der Entwicklung von KI-Anwendungen auf vorhandene Systeme zu setzen, die mit einer eigenen Software, die „oben drauf“ gesetzt werde, an die eigenen Bedarfe angepasst werden. Es gebe diverse gute Open-Source-Werkzeuge, die auch sein Institut als Grundlage verwende. Die Entwicklung eigener Systeme dauere viel zu lange – da seien andere Länder schneller gewesen. Jetzt müsse man in Deutschland mit eigenen Initiativen und Weiterentwicklungen der Digitalisierung den Anschluss an die Weltspitze schaffen. „Wir sind gut in Ingenieurwissenschaften. Das kann man mit diesen Tools kombinieren.“ Ganz wichtig für künstliche Intelligenz seien effiziente und gut funktionierende Datenbanken.

An diesem Punkt setzte auch Prof. Dr. Martin Stein, Leiter des Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrums in Siegen, an. Er verdeutlichte anhand von gleich mehreren Beispielen, die bereits umgesetzt wurden, wie Produktionsdaten digital erfasst und ausgewertet werden können, um einen Mehrwert zu erzielen. Grundlage dafür sei es wiederum, zu ermitteln, welche von den Mengen an gesammelten Datensätzen wichtig seien. Dabei spiele nicht zuletzt das Erfahrungswissen von Mitarbeitern eine große Rolle. Dieses zu erfassen und in digitale Prozesse zu integrieren, sei auch eine Chance, dem durch den demografischen Wandel drohenden Fachkräftemangel zu begegnen.

Am Nachmittag ging es schließlich in vier Foren um Forschungsergebnisse und weitere Initiativen, die sich aus dem Projekt „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“ entwickelt haben und weitergeführt werden. Die Vernetzung in der Produktion wurde genauso thematisiert wie IT-Sicherheit, Arbeit 4.0 oder die Chancen und Notwendigkeiten, mit neuen Geschäftsmodellen auf die Digitalisierung zu reagieren. Darüber, dass die Produktionsplanung mit Virtual Reality keine reine Zukunftsvision mehr ist, informierte zum Abschluss der Vortragsrunden Prof. Dr. Martin Manns, Inhaber des Lehrstuhls für Fertigungsautomatisierung und Montage an der Universität Siegen.

Das Programm mit Vorträgen und Diskussionen wurde flankiert von einer Ausstellung, bei der sich Dienstleister und Initiativen vorstellten, die mit ihren Angeboten die Vernetzung und Digitalisierung der Unternehmen in Südwestfalen begleiten und voranbringen möchten. Dabei ging es um den Einsatz von virtuellen Brillen, zum Beispiel für die Wartung von Maschinen, und den Einsatz von 3D-Druckern für den Modellbau genauso wie um die Digitalisierung von Dokumenten oder eine Software zur Effizienzsteigerung beim Einsatz der Gabelstapler-Flotte eines Unternehmens. 

In der Abschlussrunde des Kongresses, die gleichzeitig  einen Schlusspunkt unter das Projekt „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“ setzte, ging es um die Zukunft der Digitalisierung. Michael Beringhoff (IHK Arnsberg), Dirk Hackenberg (SIHK), Prof. Dr. Jürgen Bechtloff (Fachhochschule Südwestfalen) und Prof. Dr. Matthias Mayer (Hochschule Hamm-Lippstadt) zogen ein positives Fazit ihrer gemeinsamen Initiative. Es sei eine spannende Zeit gewesen, resümierte Beringhoff. „Viele Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht. Das ist ein Erfolg“, sagte Hackenberg. Von einer gelungenen „Transparenz-Offensive“ für das Thema Industrie 4.0 sprach Bechtloff. Mayer wiederum brachte soziale Aspekte der Digitalisierung ins Spiel, weil sich auch für Werkstätten für Menschen mit Behinderungen neue Möglichkeiten ergeben. Gezeigt habe sich vor allem, dass die Möglichkeiten der digitalisierten Welt maßgeschneiderte, bedarfsorientierte Lösungen nicht nur anbieten, sondern auch erforderlich machen: „In der Industrie 4.0 muss jeder seinen Weg finden. Das haben wir in dem Projekt gelernt“, sagte Dirk Hackenberg.

Vortragsunterlagen

Teilnehmer der Veranstaltung können HIER die von den Referenten freigegebenen Unterlagen zu den Vorträgen herunterladen.

Programm

10:00 Uhr:   Begrüßung
Andreas Lux, stellvertretender Haupt­geschäfts­führer der SIHK zu Hagen

10:15 Uhr:   Keynote: Künstliche Intelligenz – Treiber für die Produktion der Zukunft
Prof. Dr.-Ing. Harald P. Mathis, Hochschule Hamm-Lippstadt, Leiter des Fraunhofer-Anwendungs­zentrums SYMILA

11:00 Uhr:  Praxisbeispiele

Aus Daten Mehrwerte schaffen – Projektbeispiele aus der Industrie
Dr. Martin Stein, Leiter des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Siegen

Nutzen akustischer Informationen für die Qualitätssicherung – Ohne Daten ist alles nichts!
Tobias Clauß, Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT, Ilmenau und Matthias Platte, Berghoff GmbH & Co KG, Drolshagen

12:00 Uhr:   Podiumsdiskussion mit den Referenten und Prof. Dr.-Ing. Jürgen Bechtloff, Fachhochschule Südwestfalen

12:30 Uhr:  Mittagspause & Besuch der Ausstellung

13:30 Uhr:   Parallele Foren: (jeweils 30 Min.)

Vernetzung in der Produktion
Prof. Dr.-Ing. Andreas Schwung, Fachhochschule Südwestfalen

Neue Geschäftsmodelle
Prof. Dr. Dr. h. c. Ewald Mittelstädt, Fachhochschule Südwestfalen

IT-Sicherheit
Kurt Weigelt, Hochschule Hamm-Lippstadt

Arbeit 4.0
Prof. Dr. Elmar Holschbach, Fachhochschule Südwestfalen
Christina Meisterjahn, Fachhochschule Südwestfalen

14:45 Uhr:  Kaffeepause

15:00 Uhr:  Produktionsplanung mit Virtual Reality  
Prof. Dr.-Ing. Martin Manns, Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Montage, Universität Siegen

15:30 Uhr:  Abschlussrunde: Perspektiven der Digitalisierung
Podiumsdiskussion mit den Projektpartnern

16:00 Uhr:  Get-together bei einem Imbiss

Moderation:  Max von Malotki, WDR-Moderator